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MUTTER

Schräges, fast Absurdes Theater rund um Wurzeln und Erde: „Mutter

Geburt und Begräbnis einer Pflanze: Ein sehr musikalisch, rhythmisches Stück von E3-Ensemble und perflux im Wiener Off-Theater

Als wäre das Stück extra für den aktuellen ORF-Schwerpunkt „Mutter Erde“ geschrieben und inszeniert worden! Ist es aber nicht. „Mutter“ des innovativen, stets mit unbändigem körperlichen Einsatz auf der Bühne agierende Ensemble war lange davor geplant, nach den Lockdowns hatte es am Vorabend des Welt-Umwelttages in Wien Premiere. Mitreißend – sofern du dich als Zuschauer*in darauf einlässt. Verstörend – auch dann noch. Aber dann in einem positiven – huch in Zeiten wo „negativ“ erst den Zutritt ermöglicht ein voll arges Wort – Sinn, wandelt es auf den Spuren absurden Theaters.
Hääää? Liest sich ein wenig wirr!

Story
Nun ja, „Mutter“ ist jedenfalls kein erzählendes Theater. Heftige bis schräge Töne eines Blasmusik-Trios eröffnen. Ein Schauspiel-Trio mit starren, fast irren Blicken betritt, immer wieder wie auf einem Foto stoppend, die weiße (Wände, Decke, Boden) Bühne. Und dann en heftiges „Pflatsch“. Von oben fällt eine Pflanze auf den Boden. Und um die sowie die Wurzeln (Herkunft) Mitwirkender wird sich alles drehen. Bis sie letztlich unter fast ¼ Tonne Erde begraben wird – die Pflanze.

Voller Einsatz
Wälzen sich in der auf den weißen Tanzboden geleerten, tauchen ein in eine Scheibtruhe voller Erde (gemischt mit Magnesiumsalz und Kork – was bewirkt, dass sie nicht staubt). Zwischen Hegen und Pflegen der Pflanze samt Wurzeln (ob echt oder nicht sei dahingestellt) und verärgertem Wegwerfen spannt sich der Bogen des Umgangs mit „Mutter Erde“. Wurzeln und Herkunft werden zum Streitthema. Die 1/8-Italienerin (gespielt von Schausberger) outete sich lieber als Südost-Steirerin, während ihre Kontrahentin (Jeschke) sich radebrechend italienischer Wurzeln rühmt, weil ihre Oma drei Jahre im südlichen Nachbarland gewohnt hat und sie – vor allem – dortige Speisen liebt. Vieles ist aus dem persönlichen Erfahrungsschatz aus Mitgliedern der Gruppe. Auch die Klage, dass „das Internet nicht gekommen ist, dabei hätte ich es so dringend gebraucht“.

Provokant
Der Herkunftsstreit wird aufgeblasen zur Frage, was ist eine Ethnie, kürzest angetippt – zum Weiterdenken – zudem Fragen wie Rassismus und „was darf man noch sagen?“. Oder auch „was hat die Natur schon für uns getan, warum sollen wir jetzt Rücksicht auf sie nehmen. Außerdem erobert sie sich ohnehin den Raum wieder zurück…“ Worte und Sätzen sind „nur“ Teil einer körperlich intensiven Choreografie, die sehr rhythmisch ist. Das Schauspieltrio agiert ebenso musikalisch wie das Blasmusiktrio – Markus Pechmann (Trompete), Dario Schwärzler (Tuba) und Anna Tsombanis (Saxophon). Auch dieses in vollem auch körperlichem Einsatz – und Teil des Schauspiels. Manchmal unterstützende, begleitende, dann wieder Kontrapart gebend. Und ebenso pendelnd zwischen melodiösem, jazzigen Stil und voll schrägen, natürlich beabsichtigten Tönen.

Alls wär’s spontan
Zudem gelingt es dem sechsköpfigen Ensemble des Abends (knapp mehr als eine intensive Stunde), dass fast alles wie verspielte Leichtigkeit daherkommt, was sekundiös ge- und erprobt ist. Und doch oft spontan und ganz echt wird – inklusive der dahinter bzw. drin steckenden Gefühle.
Dabei stand am Beginn von „Mutter“ lediglich, dass vor Jahren bei einem Treffen einiger Mitglieder des E3-Ensembles in einer Wohnung, eine Pflanze zu Boden stürzte. Das spontane fast schauspielerischer Agieren war die Geburtsstunde der Idee zu diesem Stück, dem im Herbst „Dalli Dalli“ und im kommenden Jahr „Nix“ folgen werden.

Kritik von Heinz Wagner auf kijuku.at (5.6.2021)

„Mutter“ Umjubelte Uraufführung des E3 Ensembles Wien

Da ist der leere Raum. Die Stille. Die Dunkelheit. So beginnt es. Das Leben und die Wurzel. Nackt. Ohne Erde. Dasein. Musik. Der Lebensgang. Rhythmus der Sehnsucht. Dunkel und schwer. Die Suche. Nach Licht. Hier, dort, irgendwo… Der Tanz des Lebens, das Ringlspiel – Sein-Wollen, Sein-Dürfen… Bis es wieder dunkel wird. Im letzten Gang im Trauergewand…

Das Wiener E3 Ensemble lädt in seiner neuesten Produktion „Mutter“ das Publikum zu einer mitreißend tragisch absurden Seelenreise zu Sinn und Identität, Leben und Sehnsucht des modernen Menschen ein. Der leere Bühnenraum und die Trauerkleidung des Ensembles sind schon erste Assoziation eines Spiegelbildes der Seele in der hoffnungslosen Suche nach Orientierung, Anerkennung und Miteinander. Wer bin ich? Wer möchte ich sein? Dazwischen bewegen, reiben, erfinden und zerstören sich die Bedürfnisse des Menschseins. Sprache und Körper sind dabei Möglichkeit und Verhängnis, die immer wieder verstricken und fallen lassen. Umgeben ist alles von der Erschütterung des Todes. Seine stille überwältigende Macht räumt gleichsam in einem monströsen Fest des Absurden das Leben leer – „Am Zentralfriedhof is‘ Stimmung, wia’s sei Lebtoch no net wor…“.

Inszenierung und Darstellung begeistern in einer rasanten wie tiefgründigen Sprach- wie Körperdynamik, die gleichsam als Seelen-Katapult die Tragik des Lebens auf die Bühne schleudert. Wie hier der Alltag des Menschen zwischen Sehnsüchten und Missverständnissen als tägliches Sterben – tragisch-absurde „scheene leich“ – zelebriert wird, ist einzigartig. Einzigartig ist auch das Spieltempo, das von Beginn bis zum Finale mitreißt.

Es ist beeindruckend wie das so innovative Wiener Ensemble die Sehnsucht nach Leben und Sinn tief aus der dunklen Erde von Angst, Liebe, Familie und Gesellschaft der Zeit gräbt und künstlerisch transformiert. Die vielen Gang- und Stolperarten der Lebenswelt werden in tragisch-komischer Spielwucht zelebriert, dass es das Publikum in Lachen und Gänsehaut schüttelt und erschüttert. Ein Geschenk an das Publikum in begeisternder Kraft modernen Theaters in Unterhaltung wie Tiefsinn!

„Das E3 Ensemble lädt zu einer scheenen Wiener leich, die sich gewaschen hat – sensationell!“

Kritik von Werner Pobaschnig auf literaturoutdoors.com (8.6.2021)

Kressebrot und Mutter Erde: Das neue Stück des E3 Ensembles

Isst du importierte italienische Produkte, weil du es der heimischen Natur heimzahlen willst?“, fragen Michaela und Gerald ihre Kollegin Isabella, die jeden italienischen Feinkostladen der Stadt kennt, eine italienische Kaffeemaschine zuhause hat und sich deshalb fühlt wie eine Italienerin. „Man muss doch irgendwo dazugehören.“

Michaela, Gerald und Isabella tragen schwarze Anzüge und weiße Rüschenhemden. Sie stehen im leeren, weißen Bühnenbild und versuchen, sich um das zarte Pflänzchen zu kümmern, das kurz zuvor von der Decke gefallen ist. Der zarte Philodendron bräuchte Hege und Pflege. Die drei eher unfähigen Menschen (Isabella Jeschke, Michaela Schausberger und Gerald Walsberger), die zum Kümmern gekommen sind, überfordert das allerdings ziemlich.

„Mutter“ heißt die neue Stückentwicklung des E3 Ensembles. Von Müttern ist zwar kaum die Rede, aber sind nicht sie der Inbegriff von Fürsorge? Ein Sack mit der Aufschrift „Erde“ soll der ausgetopften Pflanze eine neue Heimat bringen, auch hier ploppt die Mutter-Assoziation auf: „Mutter Erde“ als Personifizierung der Natur. Um die Natur geht es auch immer wieder an diesem Abend, bei dem man oft nicht so genau weiß, wovon er eigentlich handelt.

Das Wiener Theaterkollektiv ist bekannt für seine assoziativen, überdrehten Theaterperformances. In „Mutter“ begleitet ein Bläsertrio das körperlich expressive Schauspiel musikalisch. Zu Tuba-, Trompeten- und Saxofonklängen wringt Jeschke die nassen Hemdsärmel über der Pflanze aus, Schausberger kehrt mit ihren langen geflochtenen Zöpfen den erdigen Boden auf, und Walsberger leitet aggressiv Entspannungsübungen an. Am witzigsten ist das kurze und kurzweilige Stück aber dann, wenn die drei Schauspielerinnen ihre eigenen, skurrilen Geschichten auspacken. Etwa wenn es heißt: „Ich war angestellt im elterlichen Milchbetrieb. Aber dann haben sie den Vertrag nicht verlängert.“

Kritik von Sara Schausberger im Falter.Die Stadtzeitung (9.6.2021)

Mutterseelenallein

Die sechs Darsteller*innen des Künstler*innenkollektivs E3Ensemble in der freien Wiener Theaterszene bieten mit ihrer musikalischen Performance MUTTER einen feinen Wiedereinstieg in das Theaterleben nach der coronabedingten Bühnenpause. Mit optimal vorbereiteten Sicherheitsvorkehrungen und einem gut gelaunten Publikum schaffen sie eine besondere Raumatmosphäre, voller  Freude über das wiedergewonnen Beisammensein.

Vier Charaktere stolpern zwischen Überforderung, Einsamkeit und Übersättigung der gegenwärtigen Gesellschaft umher, auf der Suche nach ihren eigenen “Wurzeln”.

Auf die Mitte der Bühne fällt unerwartet und mutterseelenallein eine Pflanze auf den Boden. Die Charaktere schauen sie fasziniert und gleichzeitig befremdlich an. Fürsorglich schaffen sie stöhnend säckeweise Erde heran, um sie einzupflanzen. Sie schätzen die Pflanze, tanzen zeremonieartig, gemeinsam mit drei Blasmusikern, um sie herum. Brauchbare Fähigkeiten sich um sie zu kümmern haben sie aber nicht. Jeder ist mit sich selbst und seinen Alltagsdilemmata beschäftigt, damit überlastet und alleine.

Gerald Walsberger verzweifelt in seiner Rolle an der Informationsfülle des Internets, das ihm doch nicht die passende Information liefern kann, nach der er sucht. Die 1/8 Italienerin mit langen geflochtenen Zöpfen, (Michaela Schausberger) die eigentlich aus der Steiermark kommt, versucht die Anderen von ihren italienischen Wurzeln zu überzeugen. Aber 1/8 scheinen nicht auszureichen, um dazuzugehören. Die Grenzen von Ethnie und Herkunft sind klar definiert, Spaghetti essen und den Sommer in Italien verbringen reicht nicht aus. Zudem seien “Spaghetti” in diesem Kontext Länder-klischees und damit rassistisch, bekommt sie von ihrem Gegenüber zu hören. Das wird zum Konflikt gemacht. Was darf man eigentlich noch sagen, um politisch korrekt zu sein? Die Gefahr liegt wohl auch in der Bildung.

Die Gefühle in der Erinnerung an die gescheiterten Liebesbeziehung zu Paul kommen zu spät: „Gefühl war nicht, ist nicht mehr“, bemerkt daneben Isabella Jeschke aufgewühlt. Der Anspruch ist “weitermachen”, die wahren Emotionen der einzelnen Charaktere werden dabei zurückgehalten. Nun soll gehetzt mit verkrampften Körper-Übungen im Kreis das „Atmen“ und „Rasten“ die innere Ruhe wieder hergestellt werden und “Bewusstseinsfelder” geschaffen werden. Die Kresse im Eigenheim wird zwar behutsam gezüchtet, erzählt Gerald Walsberger, doch am Ende radikal und rücksichtslos gestutzt und zum Verzehr aufs Butterbrot gelegt. Die Moral habe nachgelassen. Die Rücksichtslosigkeit würde naiv auf die Natur geschoben, um sich nicht um das eigene Bewusstsein der Umwelt kümmern zu müssen. Sie überflute die Erde und lösche die Menschen aus, lautet hierzu die Metapher.

Die Charaktere versuchen ein Geschäft mit der Gesellschaft zu machen, um Teil von ihr zu sein. In ihrem Versuch, den Zwängen und Erwartungen gerecht zu werden merken sie zu spät, dass sie sich selbst verloren haben. Eine knapp 1,5 Stunden kurze exzentrische Theaterperformance, die unterhaltend erleben lässt und auf eine abgedrehte und schrullige Weise zum Nachdenken über Fragen in der schnelllebige westlichen Welt anregt. Mit einer ironisch-kritischen Performance weist dieses Gegenwartstheater mit Kreativität auf die Individualität des Einzelnen und eine übersättigte Gesellschaft, mit der sie den Zeitgeist trifft.

Kritik von Johanna Krause auf neuewiener.at (9.6.2021)

ICH WILL

Wenn die Fassade der „feinen Gesellschaft“ witzig bröckelt…
„Ich will“ vom Ensemble E3 im Wiener Off-Theater lässt ein Hochzeitsfest sarkastisch entgleiten.

Es ist angerichtet. Oder doch offenbar eher eine Pause beim Fest. Immerhin sind einige der Sektfalschen schon mehr als angebrochen. Dann tanzen sie an – Festgäste und Entertainer. Die eine im weißen Hochzeitskleid (Isabella Jeschke), offenbar mehr als leicht angedudelt, andere in goldenen Anzügen und Kleidern (Gerald Walsberger und Michaela Schausberger), samt dazu passenden Schuhen und Täschchen.
Schnulzen
Den schrägsten Anzug Gold mit goldenen Streifen trägt der musikalische Entertainer (Slivo Slivovsky), Trällerer schnulziger Schlager in einem Gehabe als wäre er der Gott aller Showbühnen. Ein schon zum Niederbrechen komischer Auftakt, unterstrichen durch seinen Luftpianisten (Sebastian Spielvogel), der seine Hände meist Zentimeter über dem Keyboard tanzen lässt – die Musik stellt er mit Tastendrucken des danebenstehenden Laptops an.
Berauschend
Das berauschende Fest für ein nie in Erscheinung tretendes Hochzeitspaar eskaliert in „Ich will“ in der für das junge, engagierte, hochprofessionelle E3-Ensemble bekannten Art exzessiven, sehr stark körperlichen, sarkastischen Theaters. Trend zur Fassade samt Anklängen von Biedermeierlichkeit, gepaart mit Gehabe in der Manier High Society wird durch Überspitzung, Überdrehung der Lächerlichkeit preisgegeben.
„Heirate dich selbst“
Die Fassaden bröckeln ab, so schnell kannst du gar nicht schauen. Aus der „feinen Gesellschaft“ wird ein Treffen, bei dem sich fast alle gegenseitig mit Sekt bespritzen, Semmeln aufeinander schmeißen und Grobheiten an die Köpfe werfen. Dazu protzen einige mit ihren – vorgegebenen (?) – Besitztümern und klagen mehr oder minder alle über verkorkste Beziehungen – bis zum „Ausweg“ einer Protagonistin, nach einem Coaching-Ratgeber sich selbst geheiratet zu haben (May Magdalena Garzon). Das Hochzeitsfest ein Sammelsurium von Egozentriker_innen – konterkariert (oder unterstrichen?!) durch Schnulzen-Klassiker.

Kritik auf kurier.at von Heinz Wagner (22.03.2019)

„Ich will“. Begeisternde Uraufführung des E3 Ensemble, Wien. 22.3.2019
Es ist eine Maskerade in Gold. Eine Hochzeit. Die Kleider (müssen) sitzen. Die Choreografie von Fest und Tradition ist vorgegeben. Das erleichtert zunächst die Teilnehmenden im Anspruch von täglicher Rolle, Sorge und Selbstzweifel. Hier ist jetzt alles anders. Fröhlichkeit wird zelebriert, ein Meister geht voran, Sekt und Musik lassen schnell in eine rasende Ordnung finden…

Doch in den Leerstellen, wenn die Musik stoppt, tauchen Fragen auf – Liebe, Treue, Existenz, Zukunft. Jetzt wird am Gold gekratzt bis die Seele blutet. Ein Wettlauf der Emotionen beginnt, in dem nichts mehr an seinem Platz bleibt. Offene Fragen regieren, die aufeinander und gegeneinander prallen lassen und stumm offen bleiben bis es Dunkel wird…

Das E3 Ensemble packt in seiner zehnten Produktion beeindruckend komödiantisch wie tiefsinnig Zeit und Leben am (vermeintlichen) goldenen Kragen und stellt in einer fulminanten grotesk-tragischen Revue Grundfragen gegenwärtiger Lebenswirklichkeit in Sinn und Perspektive. Rollenbilder, Rollenzuschreibungen und die Frage nach existentieller Authentizität, Zukunft und persönlicher Kraft werden in einmaligem Spieldialog zelebriert. Die Generation der Gegenwart im permanenten Druck von Präsentation und Darstellung, Glanz und Perfektion in allem, wird auf die Bühne gehoben und das Publikum folgt diesem ästhetischen Kunstgriff gebannt.

Das innovative wie experimentierfreudige Wiener Ensemble zeigt dabei eine ganz außergewöhnliche Spielpräsenz und Ansprache, welche das Publikum in absurder Komik mitreißt wie in Traurigkeit still innehalten lässt. Dieser Kunstgriff gelingt einmalig und es sind ganz besondere Momente dieses Theaterabends im Dialog von Erschütterung und Erkenntnisanspruch zwischen Bühne und Publikum. Ebenso kommt einmalig die Wiener Seele in Musik, Melancholie und nihilistischem Schwung in den Schauspielblick. Die implizite Reflexion von An- und Abwesenheit in Sinnfrage und Weltverständnis knüpft inhaltlich an Traditionen des Absurden Theaters an und auch hier gelingt ein ästhetisch-kritischer Transfer in Aktualität und Aufmerksamkeit.

Das E3 Ensemble regiert wieder Wien. Das steht außer Zweifel.

Kritik auf literaturoutdoors.com von Walter Pobaschnig (23.03.2019)

Absage an Liebe und Monogamie
In einer Wahnsinnshochzeit handeln die Gäste ihren Egozentrismus in einem humorvollen Spieldialog aus. Das Theaterstück Ich Will bringt gute Lacher und viel Überspanntheit voll Gold und Schaumwein.

Gegenwärtige Zustandsaufnahme: Am Rande des Wahnsinns mit dem Theaterstück Ich Will
Zwischen Ekstase und Hysterie versuchen sechs Charaktere gegenwartsbezogene Themen wie Selbstverwirklichung, auszuhandeln, und vermitteln die Problematik einer Generation nahe dem Ruin: die fehlende Selbstreflexion. Ein wildes Rumrennen und Durchdrehen verleihen dem Stück eine aufbrausende Dynamik und schaffen gleichzeitig ein Bildnis der verfehlten Selbstfindung. Dieser Wahnwitz gipfelt in der Erzählung über die eigene Selbsthochzeit. Der Liebe und Monogamie hat man schon längst abgesagt.

Das geniale Schauspiel des Wiener E3 Ensemble und der perfekt nuancierte, akkurat getroffene Wiener Wahn, eingebettet in musikalische Schmachtfetzen und Schnulzenlieder, fusionieren zu einer modernen, feuchtfröhlichen Posse. Der Witz ist jung und es wird in die Kiste des überspannten US-Sitcom-Humors gegriffen, was die Rage der Wiener Seele tatsächlich gut ergänzt. Das direkte Gegen-die-Wand-Sudern malt ein Sinnbild für die allgegenwärtigen Grantler.

Ein amüsanter Overload
Ich Will wollte viel. Viele Themen aufgreifen, viele Diskurse unterbringen, politisch sein, zum Lachen bringen, zum Nachdenken anregen, laut und leise sein, über das Medium Theater reflektieren. Für so viel reicht die 80-minütige Theaterperformance trotz allem Engagement schlichtweg nicht. So konnten Feminismus und Sozialleistungen als Stichworte aufpoppen, aber nicht in einen Diskurs einleiten. Das Fehlen der tiefgehenden Auseinandersetzungen tat diesem fulminanten Fest einer Möchtegern-Oberschicht aber nichts ab. Der Schmäh fiel nicht zu kurz aus und der voll ausgeschöpfte Sarkasmus ließ das Publikum mehr als einmal laut auflachen. Ein Theaterabend als amüsanter Overload an Pseudo-Dekadenz, Sekt und G’schaftlerei seichter, aber lustvoller Unterhaltung.

Kritik auf kulturwoche.at von Greta Kogler (29.03.2019)

Brautkleid bleibt Brautkleid
Traurig-witziges Gesamtkunstwerk über Liebe und Geld im Off-Theater.
Eine triste Hochzeit, auf den ersten Blick: Es gibt Sekt und Semmeln, einen Schnulzensänger mit Keyboarder (Robert Slivovsky, Sebastian Spielvogel). Das glitzerprotzige Eine-Spur-zu-Viel ihrer Kleidung wird nur vom Hochzeitsplaner Gerald (Walsberger) übertroffen, doch auch die Damen stehen ihnen in nichts nach – Ausstatterin Pia Stross hat fürs E3 Ensemble und die Stückentwicklung „Ich will“ Großes geleistet. Isabella (Jeschke) trägt ein Brautkleid, aber wo ist eigentlich der Bräutigam? Die Frage gerät schnell in Vergessenheit.

Neben Videowünschen an die Vermählten regieren die gewollt tiefsinnigen, sektgesteuert emotionalen Gespräche im verkrampften Setting eines solchen Freudenfests: über Liebe und Einsamkeit, aber eben auch über Hausbesitz und Künstlerprekariat. Irgendwie schleicht sich das Genderthema ein, und Maria (May Garzon) nimmt den armseligen Gerald in die Mangel: Was er dafür tue, Feminist zu sein? Das zuvor erheitert kreischende Theaterpublikum hält gebannt den Atem an.

Ohne Regie gelingt E3 das Kunststück eines so scharfen wie subtilen Gesellschaftsabrisses. Was eine Person sagt oder tut, entfaltet seine Schmerzhaftigkeit immer erst im Zusammenhang mit Reaktionen der anderen, mit eigenen Gedanken. Auch wenn Ensemble-Neuzugang Michaela Schausberger genau das in einem virtuosen Ausbruch bekrittelt – es ist genial umgesetzt, witzig und verdammt bitter. Und birgt, anders als die Vorbilder vom Aktionstheater Ensemble, einen klugen Handlungsbogen. Ja, ich will.

Kritik auf wienerzeitung.at von Martin Thomas Pesl (25.03.2019)

Abgründiger Humor beim E3-Ensemble mit „Ich will“
Ein Hochzeitsgelage. Sekt fließt in Strömen, nicht nur in die Kehlen. Und Semmeln fliegen auch. „Ich will“ heißt die jüngste Kollektiv-Entwicklung des Wiener E3-Ensembles, die als Ko-Produktion mit dem Off-Theater Wien dort zu sehen ist. Die da wie schnulzenbeseelte Party-People daherkommen, offenbaren eine Menge an Tief- und Abgründigem.

„Was findest Du geil? Sag! Was findest Du geil?“ Sie (Isabella Jeschke) im weißen Hochzeitskleid fragt ihn (Gerald Walsberger) im goldfarbenen Anzug und mit halbglatzenkaschierender Langhaar-Frisur. „Übers Haar streichen. Ja! Und Zärtlichkeit mag ich auch.“, gibt er stammelnd zu. Ganz nah vor dem Publikum stehend geht es sofort ans Eingemachte.

Auf der hell erleuchteten weißen Bühne (wie die Musik von Sebastian Spielvogel) verspricht eine lange, mit viel Sekt und Bergen von Semmeln beladene Tafel ein gar rauschend Fest. Und rechts vorn ein Keyboard, ein Mikrofon und ein Notebook auf einem Tischchen. Getanzt werden darf also auch. Was das Paar auch tut, als die repetitiven Alleinunterhalter-Akkorde, gedrückt vom grinsenden Arrangeur selbst, ganz in weiß übrigens, einsetzen. Aber so, das es schmerzt. Jeder für sich, krampfig und neben dem Rhythmus.

Der weiße Kubus füllt sich mit fein gekleideten Menschen (Kostüme und Ausstattung von Pia Stross). May Garzon im Goldenen Kleinen, Michaela Schausberger in weißer Hose und schulterfreiem Top, Robert Slivovsky als glittergoldener Krawatten-Gigolo, der als singender Conférencier durch den Abend führen soll.

Was folgt, ist eine lange Reihe an ungemein dynamisch arrangierten wechselvollen Sequenzen sehr persönlicher Kurzgeschichten, die redend, singend, tanzend, als Solo oder Diskussion, lärmend und in Stille, mit ganz viel Witz und auch bewegender Eindringlichkeit präsentiert werden. Sie reden über aufgelöste Verlobungen, gescheiterte Kurz-Beziehungen, Kinderzuschüsse vor allem an Gut-Verdiener (denn christlich-sozial heißt ja „christlich minus sozial“), das Präkariat („Was ist denn so schlecht am Präkariat, wenn man davon leben kann?“), über die absurde Angst der wirklich Reichen vor Verarmung (und die im Überfluss Lebenden erfreuen sich an einer Semmel-Schlacht), sie pressen sich Geständnisse über ihre tatsächlichen Vermögensverhältnisse ab, die sich als höchst ungleich erweisen, diskutieren über das „Binnen-I“ und männliche Feministen („Männer, die Frauen mögen.“), sie fühlen dem männlichen Selbstverständnis und der umweltinduzierten Angst, wegen femininer Seiten für schwul gehalten zu werden, auf den Zahn, Gerald (sie reden sich mit ihren tatsächlichen Namen an) verliest alte Liebesbriefe, wozu die Anderen synchron mit imaginären Partnern, dann ohne diese tanzen, May schreit ein Liebeslied und stellt das Buch „Heirate dich selbst“ mit dem Gelübde, sich selbst zu lieben und bis in den Tod treu zu bleiben, vor, zwecks Vermeidung von Alleinsein im Alter wird vorgespielte Liebe empfohlen, die bemerkenswert polyglotte Michaela singt schließlich auf spanisch von ihrer Einsamkeit, Isabella berichtet in totaler Stille mit Tränen in den Augen vom Butterbrot mit Schnittlauch, das sie als Kind beim Heimkommen erhielt und sich frei fühlte (einer der ganz großen Momente!). Dann brennt Gerald die Sicherung durch: „Trink mer mal! Braut verzarrn! Braut ausziehn!“ singt und brüllt er randalierend und gewalttätig. Und dann, ganz ruhig, an uns gerichtet: „Schauts net so!“ Selten intensiv! Und all das wird gewürzt mit Sanges- und Wortbeiträgen von Slivi, der einen selbstgefälligen, gönnerhaften, schmierigen Macho mit wirklich guter Stimme gibt. Köstlich. Und am Ende, alle stehen vereinzelt da, geht langsam das Licht aus …

Die Musik übrigens ist eine Herausforderung. Mit sicherem Gespür für das Schmalztriefendste, was an deutschsprachiger Schlager- und Alleinunterhalter-Kunst den Blutdruck einfachst strukturierter Zeitgenießender hebt, stellte Sebastian Spielvogel das wirklich Beste zusammen. Die intensive Beschäftigung damit ließ ihn dann auch unter der Dusche, beziehungsgefährdend, Julio Iglesias trällern (wie er mir hinterher erzählte). Alles für die Kunst.

Diese in zehn Wochen intensiver Gruppen-Arbeit entstandene zehnte Produktion des E3-Ensembles, die vierte als von allen Ensemble-Mitgliedern gemeinsam entwickelte, ist dicht, rasant und sehr persönlich, weil die Geschichten tatsächlich entweder direkt von den DarstellerInnen oder aus deren Umfeld stammen. „Ich will“ ist das Abbild einer Gesellschaft von atomisierten Individualisten ohne echte, gefühlsmäßige Bindung zueinander, die jedoch, wenn die Maske einmal fällt, eine tiefe Sehnsucht nach Liebe und Geborgenheit offenbaren. Eine Bestandsaufnahme der heutigen Zeit, die durch die wiederkehrende Ansprache und Einbeziehung des Publikums klarmacht: Es geht nicht um Andere, es geht um uns.

Die Fülle an Themen, die Bandbreite der Emotionen, die schauspielerische Klasse und die Spielfreude der Darsteller, der umwerfende Humor und das runde Konzept machen dieses Stück zu einem Erlebnis. Sehr empfehlenswert!

Kritik auf tanz.at von Rando Hannemann (26.03.2019)

BLUNZN

Wurschtigkeiten entzaubert
In „Blunzn“ bringt das junge E3-Ensemble Belanglosigkeiten auf die Bühne und zeigt, wie sie heute vielfach urwichtig genommen werden.

So manch eine/r aus dem Publikum zeigt sich nach der Vorstellung in einer Mischung aus Bewunderung und Verwirrtheit. Angetan von der schauspielerischen Leistung, in der vielfältige Technik – Live-Kamera, spooky Geisterklavier – mühelos, nebenbei mitgespielt wird, aber ein wenig ratlos. Mehrmals waren Bemerkungen wie „Respekt, aber ich hab’s nicht verstanden“ zu vernehmen.

Wen interssiert’s?
In der Tat kommt hin und wieder während der Aufführung der Gedanke auf, der schon oftmals in Kabarettprogrammen bruhahah-Brüller wurde: „Wann kommt der Bus, der die Leue bringt, die das interessiert?!“

Demaskiert
„Blunzn“ die jüngste Performance des E3-Ensembles, einer Gruppe Theaterbesessener, hat genau dieses Anliegen: In den 75 Minuten wird die Wichtigkiet, die im Alltag, vor allem aber in den (social) Media-Blasen Belanglosigkeiten häufig zugewiesen wird, aufs Korn genommen werden. Aber nicht in einer intellektuellen Überheblichkeit des Sich-darüber-Lustig-Machens, sondern dadurch, dass der Abend genau solches tut. Irgendwelche Erzählungen über an sich fade Arbeiten, über schminken, diverse Erkrankungen reihen sich aneinander, werden fallweise miteinander verwoben. Präsentiert, als wären sie das Wichtigste auf der Welt. Dabei sind die gesagten Erzählungen – genau – „Blunzn“, wie ein ostösterreichischer Dialektausdruck „Wurschtigkeiten“ bezeichnet.
Kongenial manchmal unterstrichen, fallweise konterkariert durch die Aktionen der jeweils anderen auf der Bühne. Hin und wieder werden Bilder einer Go-Pro auf eine transparente Wand mit an die 1000 Punkte übertragen. Der Musiker steuert von seinem Laptop aus ein Klavier mit einem Automaten-Aufsatz, so dass es wie ein Geister-Instrument wirkt.
Und so nebenbei wird – ohne es je direkt anzusprechen – der eine oder andere Seitenhieb auf die Macho-Gesellschaft verteilt, indem patriarchales Gehabe bloßgestellt wird.

Kritik auf kurier.at von Heinz Wagner (10.03.2018)

ALLES AM ARSCH

Über die hohe Kunst des leisen Furzens
Die aktuelle Stückentwicklung des Es Ensembles trägt den Titel „Alles Am Arsch“. Folgerichtig fängt sie mit elaborierten Diskussionen über die hohe Kunst des leisen Furzens an. Weiter geht’s mit Trump, Kulturförderungen und Schokoladekuchen. Die vier Schauspielenden Gerald Walsberger, Isabella Jeschke, May Garzon und Tom Waldek fallen einander ins Wort, hören einander nicht zu. Ihr Tempo strukturiert dabei der Schlagzeuger Sebastian Spielvogel:
Extravagantes Geschrei mit Kuchensauerei folgt auf eindringlich-vertrauliche Publikumszwiesprache. Wiewohl also das Inhaltliche sich in die nebulösen Sphären des Blabla vertschüsst, ist der Abend ästhetisch aus einem präzisen Guss.
Auf der weißen Bühne im Off-Theater erfreuen also schwarze Fahrräder und graue Kostüme, rhythmisierte Körperkomik und Schnellredekunst.

Kritk im Falter.Stadtzeitung von Theresa Gindlstrasser (08.03.2017)

Spürst du andere (noch)?
Junges Theater-Gruppe „E3-Ensemble“ spielt „Alles Am Arsch“ im Wiener Off-Theater und entblößt Ichbezogenheit, Rücksichtslosigkeit und Entsolidarisierung.

Ein weißer, sozusagen neutraler Würfel. Nur in der Mitte ein kreisrundes schwarzes Podium mit Schlagzeug drauf. Und an den weißen Seitenwänden nahe den Publikumstribünen links und rechts ein metallener Haltegriff. So präsentiert sich anfangs die Bühne für „Alles Am Arsch“ des E3-Ensembles aus jungen engagierten Theaterleuten (die teils schon seit der Kindheit dem Theater verfallen sind), deren achte Produktion die neueste Performance ist – die zweite, die sie von null auf gemeinsam entwickelt haben.
Ans Eingemachte
Keine sogenannten „Wutbürger_innen“, die über alles und jedes lästern bespielen diese dichte, heftige, manchmal fasst unaushaltbare Stunde. Zu einer solchen entwickelt sich das Stück, das mit ein paar Witzchen über Fürze und Hinterteile beginnt, um das Publikum mit Lachern zu fangen. Die Darsteller_innen, die gleichzeitig ja auch die Autor_innen und davor Ideensammler_innen usw. waren, geben viel von sich Preis. Lauter echte Geschichten, auch wenn sie nicht immer von der jeweiligen Erzählerin/dem Erzähler stammen – aber eine/r aus der Gruppe hat’s erlebt, oftmals getan – als Täter_in. Die sich selbst immer wieder als ach so Gute bezeichnende Person hat einen Mitschüler mit Behinderung geschlagen, wenn sie mit ihm allein war, „weil er dann so lustige Grimassen gemacht hat und die wollte ich sehen“. Und das ist nur eine dieser Geschichten. Eine andere Person – es sei nicht allzu viel vorweggenommen – unterbricht alle anderen und „rechtfertigt“ dies mit dem Vor-/Einwand, das von anderen Gesagte hätte null Relevanz.
Sehr körperlich
Die ständig steigende verbale Eigen-Entblößung wird aber auch sehr körperlich. Abgesehen vom Radfahren auch auf engstem Radius, kriegt die Dauer-Unterbrecherin, die noch dazu sinniert, weshalb alle sie für so liebenswürdig halten, vom Dauer-Kuchen-Esser eine sehr heftige arge Schokotorten-Abreibung, die sie so verletzt, dass sie sich stark behindert in Super-Zeitlupe über die Bühne schleppen muss.
Spürbare Ich-Bezogenheit
Trotz Interaktionen scheint jede und jeder zu signalisieren: Außer mir gibt es nur mich. Keine Rührung, wenn von Bomben auf Aleppo die Rede ist, kein wirkliches Wahrnehmen anderer. „Diese Ich-Bezogenheit, Rücksichtslosigkeit, Entsolidarisierung wollten wir herausarbeiten und darstellen. Dazu haben wir authentische Geschichten bei uns selbst, in unserer Gruppe gesucht. Wir haben rund 300 Seiten zusammengeschrieben, aus denen wir dann das Stück entwickelt haben“, schildert Isabella Jeschke dem Kinder-KURIER. Es ist voll arg gelungen, spürbar. Immer wieder läuft’s kalt über den Rücken, manchmal stellt sich das Gefühl ein: „Na, das ist aber jetzt zu arg…“ Aushaltbar wird’s eigentlich erst durch die immer wieder einfließende (Selbst-)Ironie bis hin zur Komik, die zu lachenden Atempausen führt.

Kritik auf kurier.at von Heinz Wagner (06.03.2017)

Wunschbilder
Zwei neue Gruppen – YZMA Theaterkollektiv und E3 Ensemble – schlagen radikale Wege bei der Stückentwicklung ein.

Das Gegenwartstheater befindet sich im Umbruch, neue Darstellungsformen entwickeln sich, auch Stücke entstehen nicht mehr ausschließlich am Schreibtisch, sondern sind das Ergebnis von kollektiven Recherchen und experimenteller Probenarbeit. Bei der Stückentwicklung wird häufig ein gesellschaftspolitisch relevantes Thema mit persönlichen Erfahrungen kurzgeschlossen und popkulturell hochgetunt. Hoher Unterhaltungswert ist dabei zumeist garantiert. International sorgten Formationen wie Forced Entertainment für Furore, in Deutschland haben Performance-Kollektive wie She She Pop und Gob Squat seit den 1990er Jahren mit ihren knallbunten Auftritten die Performance-Szene aufgemischt. Hierzulande gelten etwa Theater im Bahnhof, aktionstheater ensemble und toxic dreams als Pioniere in Sachen selfmade Texte. Nun gibt es zwei neue Gruppen – YZMA Theaterkollektiv und E3 Ensemble – die in der Wiener Theaterlandschaft auf sich aufmerksam machen.
Für das E3 Ensemble, 2013 gegründet von Isabella Jeschke und Gerald Walsberger, war das Erstarken rechtspopulistischer Kräfte Ausgangspunkt für die Aufführung „Alles am Arsch“, die nun in der Open Box im Off Theater in Wien Neubau zu sehen ist. Das vierköpfige Ensemble betritt in grauer Alltagskleidung (Ausnahme: Gerald Walsberger im schwarzschimmernden Abendkleid) die ganz in Weiß gehaltene Bühne. In der Bühnenmitte sitzt Sebastian Spielvogel am Schlagzeug und gibt den Takt vor. Die knapp einstündige Aufführung variiert kaleidoskopartig die Befindlichkeit urbaner Twentysomethings: Auf intime Äußerungen (ausführlich ist vom Scheißen und Furzen die Rede) folgen banale Alltagsschilderungen, philosophische Überlegungen wechseln sich mit launigen Betrachtungen zum Gegenwartstheater ab und werden von tristen Kindheitserinnerungen abgelöst. Eine atemlose Aufführung, die viele Fragen stellt – und die Antworten schon im Stücktitel mitliefert: „Alles am Arsch“.
Von urbanen Albträumen zu utopischen Tagträumen: In „Utopia“ verhandelt das YZMA Theaterkollektiv, 2014 gegründet von Milena Michalek, Karl Börner und Johanna Wolff, das gegenwärtige Potenzial von Sozial-Utopien. Das Auftragswerk läuft in der Theaterwerkstatt des Landestheater Niederösterreich in St. Pölten. Ausgehend von Thomas Morus philosophischem Roman „Utopia“ (1516), entwickelt das Theaterkollektiv Wunschbilder für eine bessere Welt. In Fantasiekostümen, stark geschminkt und mit wild toupierten Haaren zeigen Zeynep Bozbay, Tim Breyvogel, Florian Haslinger und Johanna Wolff spielfreudig Szenen aus Morus’ Klassiker, die auf der fingierten Insel Utopia spielen. Unterbrochen werden die Episoden von gefilmten Dokumentarszenen. Die Theatermacher befragten dabei Menschen, die in gewisser Weise Utopien leben, darunter Frater Isaak vom Stift Heiligenkreuz, Johann Feilacher, Leiter der Galerie Gugging. und Heinrich Staudinger, Gründer der Firma Gea. Die 90-minütige Aufführung changiert gekonnt zwischen Fiktion, Recherche und Improvisation. „Utopia liegt oft direkt vor unseren Füßen“, schrieb einst Ludwig Tieck. „Aber wir sehen mit unseren Teleskopen darüber hinweg.“ Theater für Scharfseher.

Kritik auf Wiener Zeitung.at von Petra Paterno (08.03.2017)

Das E3 Ensemble – „Alles Am Arsch“ im OFF Theater
Volksbühne Wien Regisseur Alexander Tilling war bei der Premiere des E3 Ensembles.

„Alles am Arsch“ verknüpft die Lebenswelt der Darsteller_innen mit dem derzeitigen Weltgeschehen. Das ist laut, leise, lustig und irritierend.
Beim Einlass in den Saal präsentiert sich ein sehr reduziertes Bild: ein schwarzes Schlagzeug auf einem schwarzen Podest in der Mitte eines weißen Raumes. Diese beeindruckende Klarheit wird in der Ausstattung fortgesetzt und durch zwei schwarze Fahrräder, die die PerformerInnen auf die Bühne rollen, ergänzt. Dazu kommen Kostüme in grau, weiß und schwarz, die eine monochrome Bildfläche unterstreichen. Auf der Ebene des Tons wird diese vom Schlagzeug unterbrochen, untermalt oder einfach begleitet. Der Beat als Protagonist (Schlagzeug: Sebastian Spielvogel), der immer wieder mal lauter, mal leiser die Aktion der Performer_innen unterbricht, bzw. untermalt, formt diesen Abend. Nirgends wird dies deutlicher, als bei der Performance einer Art wütendem Yoga, das zum Rhythmus des Schlagzeugs immer schneller wird.
Klassische Figuren gibt es hier im herkömmlichen Sinn nicht, ebenso wenig, wie eine klassische dramatische Handlung. Dafür begegnen einem sehr ehrliche Erlebnisse aus dem Privatleben der Performer_innen, die zusammen eine bildhafte Montage ergeben. Geschichten über das Furzen oder das Auswischen des Hinterns nach dem Stuhlgang werden dem Weltgeschehen gegenübergestellt. Der Syrienkrieg, Trump und die Flüchtlingskrise sind nur einige der Schlagwörter, die assoziativ über die Bühne huschen und schnell auch wieder weg sind. Abgelöst werden diese durch Schilderungen einfacher Erlebnisse aus dem Alltag oder Momente des Tanzens, in denen das Schlagzeug plötzlich laut wird.
Das E3 Kollektiv stellt hier die Frage nach der Empathielosigkeit einer Gesellschaft oder der Teilnahmslosigkeit, die wir in gewissem Maße alle aus der Perspektive einer ironisierten Hipster-Logik abtun können. Dazu zählt May Garzons Beschreibung, warum ihr nicht dasselbe passiert, wie den sterbenden syrischen Kindern aus dem Fernsehen. Währenddessen stößt Tom Waldek Isabella Jeschke zu Boden und schmiert sie mit braunem Schokokuchen ein – ein symbolhafter Akt des „Anscheißens“. Eine entfremdete Logik wird mit Ehrlichkeit gemischt und dabei entstehen für die ZuseherInnen sehr lohnende Momente der Komik, aber auch der Irritation.
Fazit: Die assoziative Menge von losen Aneinanderreihungen verliert zeitweise ihren Fokus, findet aber immer wieder zu grandiosen Bekenntnissen der Performer_innen zurück.

Kritik auf callisti1010.com von Alexander Tilling (06.03.2017)

WE WANTED THIS TO BE SOMETHING SPECIAL

Ver-rückte Suche nach Zeit, Raum – und Sinn!
„We wanted this to be something special“ im Theater Drachengasse ist eine witzig-skurrile Performance – nicht zuletzt über die Hektik.
Eine völlig neues Raumgefühl in diesem kleinen Theater, dem kleineren Raum in der Drachengasse. Publikumsreihen auf der Bühne – schräg gestellt. So stehen auch die Reihen unten – dort wo sonst das Publikum in klassischen Frontal-Reihen sitzt. Auf der Bühne neben Stühlen eine Art Galgen mit einer oben an zwei Punkten aufgehängten großen Metallplatte, die damit relativ frei schwingen kann – und m Lauf der rund 75-minütigen Performance auch immer wieder in Schwingungen versetzt wird – mal werden ihr sanfte, leise Geräusche entlockt, dann wiederum dient sie als Art Riesengong.

Vom Urknall bis zum Kalb
Ist schon dieses Setting samt Live-Geräusch-Musik spannend, so potenziert sich das durch die Auftritte des Schauspiel-Trios. Auf der hochphilosophischen Frage nach Raum und Zeit – und wie war das vor dem Urknall, wenn’s keine Zeit gegeben hat, wie gab’s dann ein vorher? Bis zur eher erdigen Frage, wie junge Kälber, der Mutterkuh entwöhnt, maschinell gefüttert werden, rasen die drei – meist (manchmal agieren sie auch sehr verlangsamt) – durch den Raum inmitten und zwischen den Publikumsreihen.

(Erfundene) Reisen und Wattebällchen
Ticks und blutrünstige Träume, Reisen ans andere Ende der Welt, auch wenn diese am Ende sich eher als erfunden outen, Sternenstaub und Sternexplosionen, Dekonstruktion von Wortbildern – etwa vom Herz, das in die Hose rutscht -, verteilte Wattestückchen, die – zumindest für Momente – flauschig-wohlig-warme real erlebte Empfindungen vermitteln (sollen), ein Moment Stille, in dem dem Publikum angeboten wird, jetzt mit Mama oder Papa telefonieren zu dürfen – nachdem der Schauspieler mit bäuerlich-Südtiroler Herkunft via Kamera vom anderen Ende des Theatersaals auf die Klangplatte projiziert mehrmals von anrufen der Mama erzählt, immer dann, wenn er auf dem Klo gesessen ist.

„We wanted this to be something special“ ist eine witzig-skurrile Performance, ein sehr vergnüglicher Theaterabend in kongenialem Zusammenspiel von Schauspiel, Live-Musik und Raumgestaltung.

Kritik auf kurier.at von Heinz Wagner (19.01.2016)
Senf_Magazin

Kritik und Bericht von Daniela Schuh im „Senf Magazin“ (Ausgabe April 2016)

Interview bei Radio ORANGE 94.0 in der „Kulturschiene“ moderiert von Martin Oberlechner (15. Jänner 2016)


VIRGINIA WOOLF

Interview im Ö1 Kulturjournal (23. März 2015) | Ankündigung im Vormagazin (März 2015) | Ankündigung in der NÖN (23. Februar 2015) | Ankündigung im Folder des Kulturnetz Rabenstein (Kulturfrühling 2015) | Titelblatt und Bericht im Bezirksblatt Pielachtal (11./12. März 2015)


BASH

Gelungene Inszenierung des Theaterstücks „bash“
RABENSTEIN (kf). Das „E3 Ensemble“ gastierte vergangenes Wochenende in Rabenstein, um das Theaterstück „bash: stücke der letzten tage“ des US-Autors Neil LaBute aufzuführen. In „bash“ erzählen alle Charaktere mit erschreckender Nüchternheit über ihre begangenen Taten und skizzieren dabei ein erschütterndes Bild der modernen Zivilgesellschaft des 21. Jahrhunderts. Die Zuschauer – unter ihnen Martina und Claudia Datzreiter, Christoph Janker, Andrea Pils, Thomas Reisenhofer, Karl und Josefa Steineder, Anna, Ernst und Christian Walsberger und viele andere – ging die ehrliche und direkte Spielweise des Ensembles unter die Haut.

Bericht im Bezirksblatt Pielachtal von Katrin Fischer

Ein Wasserhahn tropft in einen Eimer, ein Paar küsst sich lachend, das Baby schläft still.
Der Eimer ist Randvoll mit Blut, der Mann hat einen Mord hinter sich und das Baby ist tot.
Ein Stück über Mörder wie du und ich von Neil LaBute. Drei Geschichten, eine jede ein Geständnis an das Publikum – „Könnt ihr mich hören?“ Drei Schicksale um Job, Beziehung und Hoffnung, drei Morde angelehnt an die griechische Tragödie. Die absurd nüchterne Sachlichkeit der Darstellung, die die sich langsam herausschälende Falschheit immer weniger maskiert und den Zuschauer plötzlich und unmittelbar vor das ganz alltäglich Böse stellt, ist in ihrer Eindringlichkeit kaum zu überbieten.
Das Bild kippt jedesmal, der Wahnsinn wird deutlich und ist so schnell wieder unter Feigheit und Alltagserwartungen verborgen und vergessen. Der Mörder sitzt lachend mitten unter uns. Das Schicksal – eine rote Ampel oder gottgegebene Ordnung, verbesserte Jobchancen, Egoismus oder einfach die Freude an der Rache für enttäuschte Ideale… Letzten Endes spielt es keine Rolle welche Motive hier die Feder führen. Die Verantwortung oder Schuld findet sich nur in der Erwartung der Zuschauer.
Die Spieler*innen des E3 Ensembles führen mit messerscharfer Präzision und einem Sog, der sich bis nach dem lang anhaltenden Applaus zieht, durch einen Abend, der einem noch lange im Gedächtnis bleibt.

Kurzkritik von Frederick Flegel, Theaterblog Theatania (19. Mai 2014)

REIGEN

Titelblatt und Bericht (11./12. September 2013) im Bezirksblatt Pielachtal | Ankündigung (Woche 35, 2013) und Bericht (Woche 20, 2014) in der NÖN


NACH DEM ENDE

Ankündigung (05./06. September 2012), Titelblatt, Bericht und „Nachgeschenkt“ (17./18. Oktober 2012) im Bezirksblatt Pielachtal


SCHUTT

“Babys wachsen auf dem Müll – wie Pilze. Ich weiß es, denn ich habe eines gefunden.”
Skurril und tief schwarz präsentiert das E3 Ensemble das Debütstück des britischen Dramatikers Dennis Kelly. Die Bühne des Pygmalion Theaters ist leer. Erst nach und nach entspinnt sich aus der Phantasie der beiden Spieler das niederdrückende Szenario, immer unter dem Vorbehalt, nur eine mögliche Version der Wahrheit zu sein.
Es ist der Versuch ungewollter Kinder, Unbegreifliches in verständliche Bilder zu bringen. Es ist der Versuch, die Kontrolle zu erlangen, in einer Welt, die schon längst nicht mehr so funktioniert – noch nie so funktioniert hat, wie sie sollte: Der Vater kreuzigt sich im eigenen Wohnzimmer, die Mutter stirbt mehrmals. Ein Baby wird auf dem Müll gefunden und der eigene Onkel entführt die Geschwister, um sie zu verkaufen.
Letztendlich spielt es keine Rolle mehr, was genau passiert ist. Die Bilder erfüllen ihre bedrückende Wirkung kindlich interpretiert noch eindringlicher und dunkler als das unverstellt Gezeigte es je könnte. Eine beeindruckende Produktion, die hoffentlich nicht nur einmal wieder aufgenommen worden sein wird.

Kurzkritik von Frederick Flegel, Theaterblog Theatania (21. November 2013)